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< Beitrag von Bernhard Reuß

Im Homeoffice – die IT in Zeiten der Pandemie

Es gibt dieser Tage ja nur ein Thema: das „Coronavirus“ oder, wie wir mittlerweile alle wissen, „SARS-Cov2“ und die von diesem Virus verursachte Lungenkrankheit „Covit 19“. Und wo sind in diesen Tagen die ITler zu finden? Da, wo sie sich auch sonst nicht selten aufhalten, im Homeoffice, isoliert und zugleich eng vernetzt! Und aus meinem Homeoffice möchte ich den Blick auf unsere Branche richten, die IT, auf ihren Wertbeitrag zur Bewältigung der Krise, und auch, so verfrüht und vermessen das sein mag, auf die Chancen daraus. Denn Corona wird die IT verändern. Und dies nicht unbedingt in ihrer physischen Präsenz, also der Technik, wohl aber in ihrer sozialen Wahrnehmung und Anwendung.

IT als kritische Infrastruktur und Atem unserer Zivilisation

Mit der IT und uns ITlern geht nicht immer alles, aber ohne uns geht praktisch nichts mehr. Deshalb gehören wir zu den „kritischen“ Funktionen und Institutionen. Das gilt, auch wenn die Nachrichten natürlich zunächst auf die medizinische Versorgung, auf Polizei, die Feuerwehr und den Lebensmittelhandel verweisen. Aber alles, was erzeugt, gepumpt, transportiert, repariert oder veredelt, was abgerechnet, besteuert oder bestraft wird, läuft über IT-Systeme und ist ohne diese Systeme bestenfalls rudimentär aufrechtzuerhalten. Das wird einem in der aktuellen Krise nicht so bewusst. Denn zum Glück funktioniert ja alles weiterhin, auch wenn man vieles nicht ganz so benutzen soll wie gewohnt.

Auch im Homeoffice eng vernetzt
IT macht’s möglich: Auch im Homeoffice bleiben wir weltweit eng vernetzt und arbeitsfähig

Dennoch: Gerade jetzt erweist sich, wie zentral wichtig – und damit kritisch – die IT für das Funktionieren unserer Gesellschaft ist. Und mit dieser Erkenntnis verbindet sich eine Hoffnung. Die Hoffnung nämlich, dass die IT sowohl in der breiten Bevölkerung als auch in den Unternehmen endlich als das wahrgenommen wird, was sie längst ist: ein Treiber und Träger unseres gesellschaftlichen Fortschritts und unseres wirtschaftlichen Wohlstandes – und nicht ein notwendiges Übel aus der Welt der Nerds. Diese neue Wahrnehmung wünsche ich mir – und ja, wir Nerds müssen auch noch einiges tun, damit ein noch besseres Miteinander wachsen kann.

Diese Hoffnung mag beinahe esoterisch anmuten. Aber darüber hinaus könnte in Sachen IT noch ein anderer „Ruck durchs Land“ gehen. Ein Ruck, der ausgelöst wird durch die Erfahrung, flächendeckend mobil, im Homeoffice zu arbeiten.

Mobiles Arbeiten im Homeoffice erstmals in der Breite der Wirtschaft

Das Internet mit seinen Anwendungen mutiert gerade zum Rückgrat der landesweiten Büroarbeit. Denn unsere traditionellen Büros sind ja jetzt das, was wir aus ganz anderen Diskussionen als „No-go-Area“ bezeichnen.

Exkurs: Die lebhafte Vorstellung von den Folgen eines echten, fundamentalen Funktionsmangels, wenn auch nicht aus IT-Sicht, sondern aufgrund eines großen Stromausfalls, vermittelt die sehenswerte Fiktion-Doku-Reihe „Blackout“ des Schweizer Fernsehens SRF, die ich Ihnen gern ans Herz lege.

Einen solchen Funktionsausfall haben wir aber nicht. Grundsätzlich läuft ja alles, wir dürfen nur nicht mehr so eng aufeinander hocken wie sonst. Und das mobile Arbeiten gehört für uns ITler längst zum beruflichen Alltag – sei es im Homeoffice, sei es unterwegs. Wir nutzen die notwendigen Werkzeuge und Technologien Tag für Tag. An der ein oder anderen Stelle wird die Bandbreite eng und es wackelt ein wenig. Aber sonst ist das für uns nix neues.

Doch auch für alle anderen habe ich die gute Nachricht: Es geht!

Mobiles Arbeiten im Homeoffice braucht nur eine stärkere Fokussierung, eine gute Vorbereitung und etwas Selbstdisziplin. Und falls man über Webkonferenzen konferiert statt bei Flipcharts und Keksen, dann funktioniert das auch im virtuellen Raum. Vorausgesetzt, alle TeilnehmerInnen beherzigen das, was auch in der realen Welt zu einer produktiven Zusammenkunft gehört: Pünktlichkeit, eine gut strukturierte Tagesordnung mit klaren Soll-Ergebnissen, Konsolidierung des gemeinsamen Verständnisses und Diskussionen eng am Thema. Die folgende Reihenfolge hat sich bewährt: Situationsbeschreibung, Auswirkungsanalyse. Lösungsableitung und abschließende Aufgabensammlung mit Terminen und Verantwortlichkeiten.

Traditionelle Arbeitsorganisation als Erfolgsfaktor auch im virtuellen Raum

Zwar lebe ich zu einem guten Stück davon, dass diese einfache Arbeitsorganisation auch in Präsenzrunden selten praktiziert wird. Häufig darf ich diese Lücke moderierend schließen und dafür Stundensätze kassieren. Allerdings könnteich auch gut damit leben, für unsere Kunden noch Höherwertiges zu leisten. Wie dem auch sei: So geht’s und so funktioniert’s, knackig, kurz und hilfreich.

Persönliche Anwesenheit ist nach meiner Erfahrung nur dann ein massiver Vorteil, wenn es gilt, ein erstes Vertrauen aufzubauen oder in vergiftetem Rahmen eine sinnvolle Diskussion zu etablieren.

Wer nun also durch äußeren Druck erstmals lernen muss, seine Kommunikation vom Homeoffice aus mittels technischer Medien zu führen, kann daran wachsen. Wenn das nun viel mehr Menschen tun (müssen) als sonst, kann das zukünftig einen Effizienzgewinn großen Ausmaßes mit sich bringen. Ich zumindest hoffe das. Und wenn Sie die modernen Helferlein für „Seamless Collaboration“ erst einmal ausprobiert haben, werden Sie begeistert sein, wie leicht da ganz viel Tolles geht. Trauen Sie sich, es lohnt sich!

Die Kultur der Offenheit gegenüber mobilem Arbeiten muss aber nicht nur von den Indianern etabliert werden. Auch die Häuptlinge haben da oft noch einiges zu lernen. So gibt es immer noch viele Chefs, die nur dann glauben, dass ihre Schäfchen „fleißig“ arbeiten, wenn sie sie permanent vor Augen haben. Arbeiten im Homeoffice erscheint dann unweigerlich mit einem Kontrollverlust verbunden zu sein. Da kann ich nur sagen: Messen Sie den Arbeitswert nicht an möglichst sichtbar vorgetragenem, angestrengtem Arbeitsaufwand, sondern an produktiven Ergebnissen!

Die wirtschaftlichen Folgen in der IT-Branche

Aber auch, wenn das virtuelle Arbeiten aus dem Homeoffice bei uns in der IT und eben auch mittels IT schon heute gut funktioniert, trifft die Coronakrise unsere Branche wie die Gesamtwirtschaft hart. Auch uns erreichen erste Signale, dass Folgeprojekte verschoben werden, teilweise auf unbestimmte Zeit. Das wird nicht spurlos an uns vorbeigehen. Aufträge werden verloren gehen aufgrund mangelnder Arbeitsfähigkeit der Kunden, Konzentration auf die Kernaufgaben in der Krise und vor allem aufgrund drohender Umsatzeinbrüche und Liquiditätsengpässe. Da gibt sich sicher mittlerweile niemand mehr irgendwelchen Illusionen hin.

Aber historisch gesehen zeigt sich immer wieder, dass nach Krisen besondere Wachstums- und Entwicklungsschübe einsetzen. Ein Beispiel: Die „Soziale Marktwirtschaft“, die so ungemein erfolgreich war in der Wohlstandsbildung der gesamten Bevölkerung, wurde geboren nach dem Zweiten Weltkrieg, einer sehr viel schrecklicheren Krise, als wir sie jetzt mit Corona erleben. Wenn wir es schaffen, aus unserer heutigen Krise, die in Zeiten der Bundesrepublik ohne Gleichen ist, aber ja, dennoch viel weniger schlimm ist als ein Krieg, ein neues Vertrauen in unsere Soziale Marktwirtschaft zu finden, dann wird das unserem Wohlstand nur guttun. Und, davon bin ich fest überzeugt, auch unserer Umwelt und unserem Klima!

Echte Digitalisierung in der (praktischen) Politik

Die Coronakrise zeigt uns aber in der Politik auch Lücken auf: längst bekannte, die nun schmerzlich werden, und solche, die bislang nicht relevant waren. So fragen sich die Parlamente von Kommunen bis hin zur EU, ob sie beschlussfähig sind, wenn sie nicht physisch zusammentreten können. Für einen virtuellen Parlamentarismus fehlen aber nicht nur die digitalen Werkzeuge, die bisher niemand für nötig gehalten hat, mit der erforderlichen technischen Absicherung. Es fehlen auch schlicht die Rechtsgrundlagen. Wenn also z. B. der Bundestag ein funktionierendes und sicheres virtuelles Konferenz- bzw. Sitzungsmedium hätte, dürfte er es gar nicht benutzen, denn dies ist rein rechtlich nicht geregelt. Weil die Verfassung und auch die Geschäftsordnung so etwas nicht vorsehen, wären solche Sitzungen nichtig.

Jetzt rühmen sich Gremien wie der Europarat, dass Sie dieser Tage per Videokonferenz arbeiten. Das ist zwar in diesem speziellen Fall offenbar rechtens. Die Beteiligten tun aber so, als hätten sie soeben die Kernfusion nutzbar gemacht. Das zeigt, wie weit weg die Politik noch entfernt ist von einer umfassenden, prozesstragenden Digitalisierung, und dies einfach deshalb, weil die Vorstellung fehlt, was das alles bedeutet.

Kleine weitere Anekdote dazu: In Hessen lobt sich die Landesregierung als Messias der Digitalisierung, weil demnächst alle Lehrer eine E-Mail-Adresse bekommen. Hurra!

Hier muss die Firewall in den Köpfen eingerissen und das Fernglas ausgepackt werden! Das kann die Politik aber nicht allein, da müssen wir IT-Profis helfen. Eine weitere Chance für die Gesellschaft, aber eben auch für uns als IT-Branche!

Die Freiheit im Kleinen ist etwas Großes!

Und wenn wir nun vom großen Ganzen wieder auf uns selbst als Individuen und einzelne Bürger schauen, deren Grundrechte derzeit sukzessive eingeschränkt werden und werden müssen, erkennen wir vielleicht auch neu den Wert unserer alltäglichen Freiheiten, da wir sie nach über 70 Jahren der Gewöhnung nun erstmals massiv missen müssen. Vielleicht stärkt uns die Krise, unsere Rechte und Freiheiten höher zu schätzen, sie wieder engagierter zu verteidigen.

IT schafft zunächst einmal Verbindung und Geschwindigkeit. Erst danach kommen die Darknetzer, Zensoren und Lebensüberwacher. Und vielleicht verhilft uns die Krise, in unserer IT- und Mediennutzung wieder zu mehr Offenheit und Vielfalt zu kommen, abseits von Filterblasen und Verschwörungstheorien. Es kommt auf jede einzelne und auf jeden einzelnen von uns an, die gute Seite der IT-Macht zu stärken, besonders aber auf uns, die ITler und Nerds, in denen ja auch immer ein Individuum und ein Bürger stecken!

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Kategorie: Unified Communication | Schlagwörter: | Kommentare: 0

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