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< Beitrag von Jonathan Joerdens

Wozu einen SCRUM-Master, wenn alles perfekt läuft?

Neulich war ich mit ein paar Kollegen in der Kneipe verabredet. Wir unterhielten uns über dies und jenes – natürlich auch über die Arbeit. Als Evangelist propagierte ich SCRUM als die heilsbringende Methode, mit der Teams nun endlich in der Lage sind, Software zu liefern, die funktioniert und dem Auftraggeber gefällt, was wiederum das Team zu einer perfekt funktionierenden Einheit zusammenschweißt – alles Früchte meiner Arbeit als SCRUM-Master. Aber nach dem x-ten Bier kam das dicke Ende …

Ein Kollege ernüchterte mich mit folgender Frage: „Müsste es nicht das Ziel jedes SCRUM-Masters sein, sich selbst überflüssig zu machen? Und sei dies nicht auch der Fall, wenn das Team über längere Zeit super zusammenarbeitet, die Velocity konstant hoch, der Kunde mit allen Inkrementen zufrieden, das Backlog gut gefüllt und richtig priorisiert ist und alle SCRUM-Prozesse sauber funktionieren? Wozu braucht das Team oder der Kunde dann noch einen SCRUM-Master?“

Der SCRUM-Master im Agilen Manifest

Die Frage ist berechtigt, denn so einen Fall ist ja durchaus denkbar. Meine spontane Antwort war jedenfalls, dass ein SCRUM-Projekt nicht ohne SCRUM-Master funktionieren kann. Im Geiste durchsuchte ich anschließend die 12 Prinzipien des agilen Manifests, um weitere Argumente zu finden und meine Grundsatz-Aussage zu untermauern.

Auf der Suche nach den Aufgaben des SCRUM-Master im Agilen Manifest
12 Prinzipien von SCRUM

Richtig fündig wurde ich jedoch nicht. Keines der 12 Prinzipien konnte mir verlässliche Hilfestellung zur Beantwortung dieser speziellen Frage geben. Deshalb blätterte ich geistig durch den SCRUM-Guide.

Der SCRUM-Master im SCRUM Guide

Ich versuchte zunächst, mich über die Formulierung des Hauptziels von SCRUM einer Antwort auf die Frage zu nähern: „SCRUM macht die relative Wirksamkeit Ihres Produktmanagements und Ihrer Arbeitstechniken sichtbar, damit Sie fortlaufend das Produkt, das Team und die Arbeitsumgebung verbessern können.“

Zu den Kernaufgaben des SCRUM-Masters zählt der SCRUM Guide die folgenden Punkte:

  • Coachen des Entwicklungsteams hin zu Selbstorganisation und funktionsübergreifender Teamarbeit
  • Unterstützen des Entwicklungsteams bei der Schaffung hochwertiger Produkte
  • Beseitigen von Hindernissen, die das Entwicklungsteam aufhalten
  • Unterstützen bei der Durchführung von SCRUM-Ereignissen bei Bedarf oder auf Anfrage
  • Coachen des Entwicklungsteams in Organisationen, in denen SCRUM noch nicht vollständig angenommen und verstanden wird

SAFe Framework & Lean Agile Mindset

Man könnte also behaupten, dass mit der Frage nach der Existenzberechtigung des SCRUM-Masters im perfekt funktionierenden Projekt die Grenzen von SCRUM erreicht sind und nun das Feld der möglichen Antwort-Optionen erweitert werden muss. Dies schien mir schlüssig, aber wohin sollte die Reise gehen? Ich fragte mich, wo das SCRUM-Framework noch verwendet wird, und kam schnell auf das SAFe Framework. Denn hier wird das Lean Agile Mindset beschrieben als Kombination des agilen Manifests aus dem SCRUM-Framework mit dem „SAFe House of Lean“.

Auf der Suche nach den Aufgaben des SCRUM-Master im SAFe-House
SAFe House of Lean

Besonders interessant für meine Begründung sind hierbei die beiden Säulen Innovation und Relentless Improvement des SAFe House of Lean.

Um Innovation hervorzubringen, fordert das Lean Management nämlich: Get out of the office – damit das Team eigene Ideen für das Produkt oder den Service finden und einbringen kann.

Um Relentless Improvement zu erreichen, empfiehlt das Modell: Optimize the whole – also nicht nur die eigene Teamarbeit zu verbessern, sondern über die Teamgrenzen hinaus in die Organisation zu schauen, um Verbesserungspotenziale zu identifizieren und womöglich auch zu aktivieren.

Über den Team-Tellerrand hinaus

Der SCRUM-Master kann also bei einem Team, das wunderbar eingespielt ist, die Produktivität steigern und Zeit dafür einräumen, das Team auf der Entwicklungsseite zu fordern, oder das Ganze, also z. B. die Abteilung, den Tribe, das Chapter oder noch größere Einheiten, zu optimieren. Dies kann gelingen, wenn etwa Skills aus dem eigenen Team anderen Teams zur Verfügung gestellt werden, damit die Organisation insgesamt dazulernt und besser wird. Schon allein so eine Maßnahme bedeutet eine Herausforderung für ein perfekt eingespieltes Team und auch für den SCRUM-Master. Denn mit neuen Gesichtern wachsen neue Erwartungen, kommen neue Ideen.

Mein Kollege war mit dieser Antwort zufrieden und, wenn ich ehrlich bin, ich auch. Zugleich ist dies ein schönes Beispiel für die Verzahnung von agilen und Lean-Management-Methoden. Denn um Agilität in der Organisation voranzutreiben, ist es sinnvoll, gerade an den Rändern der Modelle weitere Konzepte heranzuziehen.

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Kategorie: Projektmanagement | Schlagwörter: | Kommentare: 0

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