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< Beitrag von Bernhard Reuß

Zertifikate – von der Fiktion zur Wirklichkeit

Zertifikate sind eine wichtige Währung in unserer IT-Branche. Gang und gäbe sind ja Sätze wie: „Ich bin zertifiziert als ‚International Senior X!“, „Wir haben 8 zertifizierte Mitarbeiter in Y!“, „Ist Ihre Firma denn auch vom Hersteller zertifiziert als Z?“. Aber: Wie hart ist die Zertifikate-Währung wirklich?

Zertifikate – nicht perfekt, aber unentbehrlich

Wir arbeiten in einer Branche, die per se sehr technologieorientiert ist und immer kürzeren Innovationszyklen unterliegt. Somit verkaufen wir als Dienstleister etwas, von dem die meisten Projekt-Beteiligten wenig bis gar keine Ahnung haben. Oder umgekehrt: Unsere Kunden kaufen etwas, von dem nur einige Beteiligte im Geschäft wirklich etwas verstehen. Deshalb ist ein System unentbehrlich, das Kompetenz und Fertigkeit einfach, verständlich und möglichst objektivierbar nachweist. Und genau das leisten die berühmten Zertifikate, von denen es zigtausende gibt.

Diesen Wert halte ich prinzipiell hoch, denn ohne Zertifikate wäre die allgemeine Unwissenheit und Unkalkulierbarkeit im IT-Geschäft nochmals deutlich größer. Aus den genannten Rahmenbedingungen ergeben sich aber auch die Schwächen des IT-Zertifikatwesens.

Zertifikate

Manchmal ganz schön dünn …

Die schnelle Alterung all dessen, was wir tun und womit wir es tun, relativiert den Wert der allermeisten Zertifikate – also unserer Zeugnisse. Entweder ist die gewonnene und geprüfte Fertigkeit schnell kalter Kaffee oder die Substanz der zertifizierten Kompetenz ist so dünn wie Stanniolpapier. Machen wir uns nix vor: Oft ist es auch eine Kombination aus beidem.

Denn wenn alles so schnell vom Fortschritt oder auch nur vom nächsten Release überholt wird, können ein Kurs und eine Prüfung nicht tiefgreifend und gründlich sein. Es ist nicht sinnvoll, ein 4-jähriges Quasi-Vollzeitstudium der neuesten Version einer Software zu absolvieren. Niemand käme für die Kosten auf, denn wenn dieser „Student“ die „Uni“ verließe, wäre der Hersteller-Support der Version längst abgelaufen. Das Resultat: ein einsamer Experte, der über ein im wahrsten Sinne des Wortes „akademisches“ Wissen verfügte, das praktisch längst unbrauchbar geworden wäre.

Multiple-Choice-Test: besser als sein Ruf, aber kein Königsweg

Die Realität sieht deshalb oft so aus: 2 oder 3 Kurstage mit hunderten, schnell durchgehechelten Power-Point-Folien enden mit einer Prüfung aus Multiple-Choice-Fragen. Manchmal ist es sogar noch weniger: Dann gibt es gar keine Prüfung, sondern nur ein „Teilnahmezertifikat“. Das klingt dünn und ist es oft auch. Denn solche Trainingsformen lassen zu wenig Raum für anwendendes Lernen, Denken und Tun. Der zeitliche Rahmen und auch die Multiple-Choice-Fragetechnik ermutigen zum Bulimie-Lernen, das einzig darauf abzielt, sich am Ende die Feder des Zertifikats anzustecken.

An dieser Stelle muss ich betonen, dass Multiple-Choice-Fragen nicht per se leicht zu beantworten sind. Sie können durchaus geradezu hinterlistig und spitzfindig formuliert sein. In jedem Fall hat jedoch die Anwendung von Wissen und Fertigkeiten eine deutlich höhere Lern- und Prüfungsqualität. Das gilt vor allem, weil wir genau das ja bei unseren Kunden tun: Anwenden und zwar im jeweils spezifischen Kontext!

Mit Bulimie-Lernen zum Zertifikatserfolg?

Nicht besser wird der Zertifikaterwerb durch den typisch amerikanischen Ansatz, eine Fülle von „Guidelines“, „Principles“ oder „Core Competencies“ zu definieren, die alle mehr oder weniger dasselbe aussagen und sich nur unwesentlich unterscheiden. Es geht letztlich darum, die jeweilige Liste der Unterpunkte auswendig zu lernen. Dass ich schon 2 Wochen später nicht mehr weiß, welcher Eintrag zu welchem Oberbegriff gehört, finde ich persönlich unbefriedigend. Ich kann allerdings immer noch den Grundgedanken anwenden. Deshalb kann ich persönlich auch mit dieser Lernform leben, man gewöhnt sich ja an fast alles.

Der Gedanke, dass manche Prüfung wohl auch ohne Verständnis und nur mit Bulimie-Lernen zu bestehen wäre, finde ich allerdings geradezu traurig – im Sinne des erhofften Lernerfolgs beim Teilnehmer, aber vor allem auch mit Blick auf unsere Kunden.

Die wundersame Kursvermehrung

Die Freude am Zertifizierungswesen wird auch durch seine Macher nicht gerade gesteigert. Denn natürlich ist auch die Zertifizierung ein Geschäft, und zwar eines, das wundersamerweise Nachfrage selbst erzeugt, um ein riesiges Angebot profitabel zu vermarkten. Denn die Quelle aller Zertifizierungen sind entweder die Hard- und Software-Hersteller oder bei Methoden- oder Prozessmodellen die „Institute“.

Die Hersteller haben natürlich ein berechtigtes Interesse daran, dass die Implementierungspartner in der Lage sind, ihre Produkte bei den Kunden fachgerecht einzubauen, zu integrieren oder anzupassen. Darüber hinaus schaffen sie für ihre Trainingstöchter aber oft einfach noch mehr Umsatz. So verpflichten sie uns, immer eine Mindestanzahl von Mitarbeitern zu einem bestimmten Produkt zu zertifizieren, um die Partnerschaft aufrecht zu erhalten. Und da man mit jeder mehr oder weniger neuen Version auch neue Kurse und Zertifikate erfinden kann, müssen wir ständig neu ran.

Die Prozess- und Modell-Erfindungsinstitute haben die regelmäßige, natürlich kostenpflichtige „Re-Zertifizierung“ erfunden, ohne die ein Zertifikat seine Gültigkeit verliert. Und sie alle sind sehr kreativ darin, einen weitverzweigten Baum von Anschluss-/Erweiterungs- und Aufbauzertifikaten wuchern zu lassen, der den Strom an Fortbildungserlösen perpetuiert.

In dieser Nahrungskette stehen auch noch die reinen Trainingsunternehmen, die Zertifizierungen als Lizenzleistung für die Zertifikatsgeber entweder ergänzend oder exklusiv durchführen. Und wer sich durch den gesamten Baum hindurch zertifiziert hat, kann noch weiteres Geld auszugeben, nämlich für die zugehörigen „Communities“. Im einfachsten Fall sind dies geschlossene Social-Media-Kanäle. Hier kann man sich mit anderen Eleven austauschen, die man kostenlos auch anderswo digital treffen könnte. Oder es gibt „Chapter“-Treffen vor Ort, bei denen dergleichen „in real life“ stattfindet.

Drum prüfe, wer sich ewig schindet …

Was lernen wir daraus? Es ist wie so oft in unserer herrlich absurden Branche und auch sonst überall, wo sogenannte „Consultants“ für Geld rumrennen: „Es kommt drauf an!“ Ich bleibe bei der These, dass Zertifikate für eine gewisse Belegbarkeit unseres kryptischen Tuns wertvoll, wenn nicht gar unverzichtbar sind. Und es leuchtet mir auch ein, dass solche Zertifikate nicht den umfassenden und lebenslangen Wert haben (können) wie ein Jurastudium mit 2 Staatsexamina.

Dennoch lässt sich auch hier die Spreu vom Weizen trennen, wenn man sich auf 2 meiner gern propagierten „Lieblingsdenkmuster“ stützt: den konkreten Nutzen und den gesunden Menschenverstand. Diese Leitfragen zeigen nicht nur uns als Dienstleiter, sondern auch Ihnen als Kunden sehr schnell, was taugt und was nicht:

  • Welche Kompetenzlücke schließt der Kurs mit seinem Zertifikat?
  • Welchen Marktwert hat das Zertifikat?
  • Wie schnell kann ich das Gelernte in Projekten anwenden?
  • Wie ist der Kurs aufgebaut und wie ist die Prüfung konzipiert?
  • Wer ist der Anbieter?
  • Welche Erfahrungen habe ich mit ihm gemacht?
  • Welche Zertifikatszyklen muss ich wirklich mitmachen?

Der Ehrliche ist der Klügere

Ich lade Sie ein, unsere Kollegen im Einsatz in dieser oder ähnlicher Form nach ihren Zertifikaten und den realisierten Werten zu befragen. Die meisten werden ehrlich und kritisch sein. Und es schwächt keineswegs ihren Wert als IT-Experten, wenn sie manchen Kurs vielleicht als weniger gut einstufen. Vielmehr zeigt jeder, der seine Fähigkeiten und äußeren Meriten kritisch einschätzt, die höchstmögliche Anwendungskompetenz.

Und so sehe ich das auch für mich persönlich. Sie vermuten richtig, dass ich erst jüngst wieder einem Kurs entstiegen bin, der mich zu diesem Beitrag inspiriert hat. Es war ein Kurs, der ein sehr populäres Thema vermittelt hat. Leider wurde das Thema mit Details überfrachtet und die praktische Relevanz zu wenig gewürdigt.

Für mich ist das Glas aber auch hier halb voll. Ich habe das Modell kennengelernt und für mich analysiert, die Prinzipien abstrahiert und ein Grundverständnis entwickelt. Jetzt gehe ich hoffentlich bald in die Projektpraxis. Und dort werde ich mich nicht scheuen, auch mal etwas nachzuschlagen. Denn mein Hirn arbeitet tendenziell in Prinzipien, nicht in Details. Und das finde ich nach wie vor gut so.

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Kategorie: Projektmanagement | Schlagwörter: , , | Kommentare: 1

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Kommentare

  • 08.08.2019 von Anita

    Toller Beitrag