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< Beitrag von Bernhard Reuß

Mobiles Arbeiten – wie mobil hätten Sie’s denn gern?

Mobiles Arbeiten ist für mich kein Fremdwort. Denn ich bezeichne mich gern als „Digitalnomaden“. Damit propagiere ich Modernität, Flexibilität und Serviceorientierung allen gegenüber, die es hören wollen, und auch allen anderen. Anschließend garniere ich diese Business-4.0-Propaganda mit der Erläuterung: „Ich kann von überall arbeiten, ich brauche nur ein Laptop, ein Handy und WLAN!“ So schön, so gut. Ich bin also an vorderster Front der „New Work“ hip und flexibel.

Mobiles Arbeiten in der Immobilie

An dieser Legende muss ich aber gleich selbst ein wenig kratzen. Denn mobiles Arbeiten bedeutet für mich selbst vornehmlich „Heimarbeit“, also Telearbeit von zu Hause bzw. „Home Office“ auf Hochdenglisch. Somit ist mein Arbeitsalltag weniger mobil, als er vor dem mobilen Arbeiten war. Ich fahre ja nicht mal ins Büro, sondern mein Arbeitsalltag spielt sich immer in derselben (Im)mobilie ab.

Mobiles Arbeiten: Blick aus der Immoblie des mobilen Arbeiters
Wie schön: der Blick aus der Immoblie des mobilen Arbeiters

Das ist sicher gut fürs Klima. Aber der Klimaschutz ist ja nicht das entscheidende betriebswirtschaftliche Motiv für das Konzept „Mobiles Arbeiten“. Zunächst spart man natürlich erhebliche Bürokosten. Außerdem geht es aber vor allem darum, internationale Teams rund um die Welt ins dynamische virtuelle Ringelrein zu integrieren. Alle Beteiligten sollen möglichst zu jeder Tages- und Nachtzeit in Web-Konferenzen erreichbar sein.

Ich bin jetzt nicht direkt als traditioneller Gewerkschafter bekannt. Deshalb finde ich das in einem gewissen Maße auch gut und richtig. Ich fühle mich auch nicht gleich ausgebeutet, wenn ich mal um 21 Uhr mit den Vertretern östlicherer Zeitzonen telemetriere. Dafür kann ich im Gegenzug ja auch auf die Ämter, wenn die tatsächlich geöffnet haben.

Das unentbehrliche Kollegium

Wenn ich allerdings über mein (im)mobiles Arbeiten berichte, geht es meinen Gesprächspartnern erstaunlicherweise ganz selten um diese Errungenschaften der schönen neuen Globalität. Mir wird – leider – überhaupt nicht ekstatisch als dem Popstar der Newest Economy gehuldigt! Stattdessen wendet sich das Gespräch meist in die immer selbe Reprise: „Also ich könnte das ja nicht! Vereinsamst Du da nicht? Du triffst ja niemanden auf dem Flur oder in der Küche auf ein Schwätzchen!“

Ich könnte nun scherzhaft, und nicht ganz ohne realen Bezug, einwenden, dass ich gelegentlich Selbstgespräche führe. Dabei bin ich narzisstisch genug veranlagt, meinen (Selbst-)Gesprächspartner als besonders anregend zu empfinden. Aber letztlich ist es viel simpler: Ich bin und war schon immer froh, wenn ich bei meiner Arbeit meine Ruhe habe. Ich war schon immer gegen „Campusse“ um des „Campus’“ willen. Und ich war nie ein Freund von „Open-Door-Policies“ oder des Versuchs, mir Java-Programmierung dadurch beizubringen, dass ich in einem Großraumbüro dieselbe Luft wie die Software-Entwicklungskollegen einatme.

Mobiles Arbeiten: Jeder Jeck ist anders

Meist habe ich komplexe Planungs- und Lösungsaufgaben auf dem Tisch, die in kürzester Zeit erledigt werden müssen, denn es sind so viele, dass der Tag ohnehin meist zu kurz ist, bei allen Telefonaten, E-Mails und Webkonferenzen, die sich über ihn ketten. Da fehlen mir dann Zeit und Muße für das Schwätzchen auf dem Flur oder in der Küche. So gesehen ist mein Eremitendasein für meine Aufgaben und meinen Arbeitsstil ideal und offenbar auch für meine Fähigkeit, mich für Stunden auf einen Lebensbereich, in diesem Fall Arbeit, zu fokussieren.

Von den meisten Menschen aus dem Freundes-, Kollegen- oder Kundenkreis höre ich die genau andere Präferenz. Sie wünschen sich das Schwätzchen Aug‘ in Aug‘, um Hirn und Seele durchzupusten und dann mit frischen Ideen und frischem Geist ihre Aufgaben besser und schneller zu bewältigen. Und das muss für sie im Rahmen eines etwas größeren Kreises anderer Menschen passieren, einem echten, hinreichend großen Kollegium. Die zwei Minuten morgens beim Bäcker sind ihnen nicht genug. Ich hingegen kann bequem auch darauf verzichten.

Communication Overload

Sicher liegt es daran, dass ich als Projektleiter ja auch fernab vom persönlichen Kontakt den ganzen Tag unheimlich viel kommuniziere. Dazu gehören ganz viel Telefon, immer mehr Webkonferenzen, oft parallel noch Gechatte oder Gesimse, also das, was man als digitale Arbeitsverdichtung bezeichnet. Mein Bedarf an Kommunikation ist offenbar über den Tag mehr als gedeckt.

Und wenn ich Kunden und Kollegen mal persönlich treffe? Dann ist es meist so, dass ich stundenlange Konferenzen oder Workshops moderiere, ständig spreche oder jedes Wort aus der Runde abwägen, einsortieren, paraphrasieren und destillieren muss.

Durch mobiles Arbeiten hat sich für mich eine sekundäre Arbeitsverdichtung ergeben, eben nicht direkt durch die digitalen Medien, sondern mittelbar für den persönlichen Kontakt. Die selteneren Gelegenheiten des persönlichen Austauschs belege ich mit noch höheren Ergebniserwartungen und einer noch anspruchsvolleren „Wertschöpfung“. Das sind dann hochkonzentrierte Tage, gerade für mich, der zu jedem Tagesordnungspunkt aktiv sein muss, und nicht nur, wenn ich auf „der Bühne“ stehe.

Wollen Sie mich wirklich vor Ort haben?

Das erinnert mich an die schöne Anekdote, als mich ein Kunde vor ein paar Jahren mit der üblichen Bitte konfrontierte, doch mindestens vier Tage pro Woche bei ihm vor Ort zu sein. Meine Antwort: Entfernt und ungestört kann ich die Termine mit seinen Mitarbeitern viel effektiver vor- und nachbereiten. Und nach den Zwei-Drei-Tages-Einheiten vor Ort, die wir etwa alle drei Wochen veranstalten würden, werden alle Beteiligten so geschlaucht sein, dass sie froh sein werden, wenn ich endlich wieder abgereist sein werde. Quod erat demonstrandum …

Aber wir sind doch jetzt alle agil!

Bevor jetzt die noch hipperen Vertreter der Allernewest Economy mir das Fanal der Agilität entgegenhalten, drehe ich meine Medaille direkt – und durchaus freiwillig – auf die andere Seite. Meine, wie oft an dieser Stelle, sehr persönlichen Betrachtungen beziehen sich bis hierhin explizit nicht auf den agilen Teamkontext. Dieser kann in seinem Verantwortungs- und Zusammenarbeitsanspruch praktisch nur an einem gemeinsamen Ort stattfinden. Auch sind viele „War Rooms“ und „Campus“-Arbeitsweisen sehr produktiv, und zwar dann, wenn ein Konzept von Spielregeln und eine klare Ergebnisentwicklung dahintersteht. Das ist bei agilen Teams durch das Vorgehendmodell – sofern es denn beachtet wird – per se der Fall. Bei den meisten „Co-Lokationen“ meiner Erfahrung nach aber eben nicht!

Menschen gelangen nicht allein deshalb zu besseren gemeinsamen Ergebnissen, wenn man sie in einen gemeinsamen Raum sperrt. Manche gehen auch dort in die innere Emigration der E-Mails und der Spotify-Kopfhörer. Außerdem bedarf es auch hier der Moderation und dessen, was ich immer noch gern altmodisch eine „Tagesordnung“ nenne. In Veranstaltungen, die ich plane und moderiere, gibt es die übrigens immer. Sie alle kennen aber auch viel zu viele Gegenbeispiele für dieses Kleine Einmaleins des professionellen Arbeitens.

Der Zweck – erst! – heiligt die Mittel!

Und so mündet auch diese Geschichte, als hätte ich es hinterlistig von langer subversiver Hand so geplant, wieder in meine Lieblingsfrage: Wofür ist das gut?  Wir müssen diese Frage hier nur etwas anders und konkreter stellen: Was hilft Teams, um zu schnelleren und besseren gemeinsam getragenen Lösungen zu kommen?

Und dann bin ich im entsprechenden Fall auch ein großer Freund großer Zusammenkünfte. Die sind dann aber so intensiv und anstrengend, dass wir uns das gesellige Abendbier wirklich verdient haben!

Ein kleiner prätentiöser Etikettenschwindel

Zum Schluss muss ich allerdings auf der Schaumkrone des imaginären Feierabendbieres noch ein wenig Richtung heimischer Gestade zurückrudern. Ein echter „Digitalnomade“ bin ich noch weniger, als eingangs relativiert. Echte Digitalnomaden sind die, die tatsächlich so gut wie nie ihre Auftraggeber oder Kollegen treffen und weltweit ungebunden sind. Diese Nomaden arbeiten online, wo es ihnen gerade gefällt, oft als hochqualifizierte, freie Programmierer. Die lassen sich für ein paar Monate in Vietnam, Kenia oder Polynesien nieder, genießen dort Sonne, günstige Lebenshaltungskosten und ihre vierstelligen Tagessätze.

So ist das bei mir ja nicht. Ich sitze hier in meinem Landhaus, zahle Steuern in Deutschland und habe aber immerhin auch niedrige Lebenshaltungskosten. Denn längst nicht alle arbeiten so hip und mobil wie ich: Der Dorfladen hat nur ganz selten geöffnet und die Dorfkneipe ist meist schon geschlossen, wenn ich dort einkehren will. Ich kann also oft gar nichts ausgeben, auch wenn ich es noch so gern täte …

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Kategorie: Projektmanagement | Schlagwörter: , | Kommentare: 0

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