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< Beitrag von Bernhard Reuß

Endlich Kunde, endlich König!

Als Projektleiter trete ich gegenüber Projektlieferanten häufig als Kunde auf. Und als Kunde achte ich pedantisch genau auf Angebots- und Vertragsformulierungen. Das tue ich im ureigensten Interesse aber netterweise auch im Interesse meiner Auftraggeber – also meiner Kunden – und schließlich auch im Interesse der Lieferanten selbst.

Als Kunde viel zu nett

Ja, ich bin viel zu nett. Nicht direkt so, wie die wohlmeinenden, dick bebrillten, fleißigen Mädchen in US-amerikanischen Teenagerfilmen, die bereitwillig die Hausaufgaben anderer und jegliche Form von Drecksarbeit übernehmen, nur um auf dem Abschlussball von den vermeintlich neuen Freundinnen aus dem Cheerleaderclub öffentlich gedemütigt zu werden …

Nein, so schlimm ist es nicht. In der Regel bekommen meine Kollegen, Partner und Kunden schon in den ersten Sekunden mit, dass ich sehr genau weiß, wo die Hasen laufen, und dass ich gewohnt bin, ihnen die Richtung zu weisen. Aber selbst meine Frau sagt, dass ich zu nett sei! Und damit ist es für mich, aber auch für Sie, verehrte Leserinnen und Leser, eine dogmatische Gewissheit! Natürlich meint sie nicht, dass ich zu nett zu Ihr sei, sondern zu so ziemlich allen Verkäufern, denen wir begegnen.

Und damit sind wir endlich bei des Pudels Kern: Ich bin nämlich derzeit mal wieder Kunde! Nicht, dass ich der Dienstleisterseite und auch ORBIT den Rücken gekehrt hätte. Aber da ich ja oft Projekte im Auftrag meiner Kunden leite, bin ich für deren Lieferanten natürlich der Kundenvertreter. Und damit entscheide ich über das Wohl oder Wehe derer, die etwas liefern und verkaufen wollen.

Der Angebotszirkus ist verkehrt herum richtig!

Zur Verwunderung meiner Lieferanten unterlasse ich all die Fisimatenten, die meine eigenen Kunden – Leserinnen und Leser dieses Beitrags natürlich ausgenommen – mir gegenüber gern aufführen, wenn ich selbst ein Angebot vorlege: schmerzverzerrte Gesichter mit dem Hinweis darauf, dass man ja keine „Großkonzern-Lösung “ brauche. Das Ganze gerne garniert mit Erinnerungen an die eigene schwere Gründerzeit und Analysen der Wirtschaftslage, von der wir ja alle wissen, dass sie nie so unsicher war wie just in dieser juristischen Sekunde.

Diesen ganzen Zirkus spare ich mir, weil ich weiß, dass die Anbieter solche Inszenierungen ebenfalls satt haben. Und weil ich die Zeit für einen anderen Zirkus brauche. Denn ich weiß ja, was notwendig ist, damit aus einem Angebot ein Vertrag wird, der den Lieferanten nicht ruiniert, aber für mich als Kunden so viel Verbindlichkeit schafft, dass am Ende etwas Funktionierendes herauskommt.

Endlick Kunde, endlich König

Zum Projektglück gezwungen

Dabei fühle ich mich allerdings allzu oft wie die Angebotsnanny bei RTL 17. Ich muß fast immer darauf dringen, dass die Leistung wirklich genau definiert wird, dass Mitwirkungen und Beistellungen formuliert werden, die ich für meine Projektplanung brauche. Ohne diese Festlegungen wird allerdings auch der Lieferant bestenfalls einen Torso abliefern können, der niemals Abnahmereife erreicht.

„Wieso muß ich denen das immer in die Feder diktieren?“, frage ich mich dann. Und ja, das dürfen Sie sich genau so vorstellen: Ich formuliere den Lieferanten wesentliche Angebotspassagen wörtlich vor! Und dann zünde ich im Geiste eine Kerze an, in der Hoffnung, dass meine lieben Lieferanten nicht bei einem anderen Kunden wegen unvorsichtig formulierter Gewerke Schiffbruch erleiden.

Wenn Sie an dieser Stelle vor Mitleid ergriffen, für das ORBIT-Projektleiter-Genesungswerk spenden möchten, nennt Ihnen unser Vertrieb gerne das Spendenkonto.

Nettsein aus Eigennutz

Aber ich mache das alles ja nicht nur, weil ich viel zu nett bin, sondern aus einer gesunden Portion Eigennutz und Selbstschutz heraus. Mein Beruf als Projektleiter ist es, Ergebnisse zu ermöglichen und dann zu liefern. Da wäre ich doch mit dem Klammersack gepudert, wenn ich mir mit schlechten Verträgen Zeitbomben ins Nest legen ließe!

Kleine Nachfrage am Rande: Wer von Ihnen besitzt eigentlich noch einen Klammersack, mit dem er mich pudern könnte? Ich habe vor bald 30 Jahren den letzten gesehen, bei meiner Mutter, einer rot geblümten Kittelschürze nachempfunden, sehr apart! Doch zurück zum Thema. Wie so oft, so ist es auch hier mit diesen Wohltaten: Undank ist der Welten Lohn!

Denn anstatt die Segnungen zu preisen, die ich als Kunde über meine Lieferanten mit dem Füllhorn ausgieße, winden sich diese: Warum will der Reuß denn jetzt auch noch dies und jenes und hier eine Referenz und da eine Ergänzung. Sie alle halten mich dann für den Pedanten, der ich ja bin, wissen aber nicht, dass ich dies als Adelstitel betrachte.

Multifunktionaler Vertra

Noch schlimmer wird es für die Geknechteten allerdings in den Tests und vor allem zur Abnahme hin. Dann habe ich nämlich sogar die pedantische Stirn, den Vertrag neben mir liegen zu haben und auch noch auf Einhaltung all dieser so schön formulierten Passagen zu pochen! Vielleicht ist Ihre Spende doch eher an meine Opfer zu zahlen.

Ich aber sehe dann jedes Mal, dass sich die Zeit, die ich in die Angebotsformulierung gesteckt habe, vielfach auszahlt. Als Kunde bekomme ich jetzt genau das, was ich bestellt habe, und zwar so, wie ich es nun brauche. Und ich muß mir das alles nicht mal lang merken, weil mir das präzise Angebot als perfekter Spickzettel dient.

Und das ist dann der kurze Moment, in dem es wirklich herrlich ist, ein Kunde zu sein, der vermeintliche König. Denn Kunden haben es in den allermeisten Fällen entgegen der Legende eben auch nicht leicht! Ein Grund mehr für mich, auch in Zukunft nett zu Ihnen zu sein!

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Kategorie: ITSM | Schlagwörter: | Kommentare: 0

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