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< Beitrag von Bernhard Reuß

IT-Projektmanagement – eine feucht-fröhliche Profession

„Trocken.“, beschied Frau C. kurz und knapp, mit einer Mischung aus Mitleid und drastisch abstürzender Sympathie für mich. „Trocken.“, urteilte sie, nachdem ich auf ihre Frage nach meiner Profession nichts Böses ahnend „IT-Projektleiter“ geantwortet hatte. Frau C. ist Küchenplanerin. Mit Leidenschaft und frivolem Witz war sie eingestiegen in die Verwirklichung meiner Vision von einer knallroten Küche. Aber nun schien ihr Engagement zu erlahmen. Und der Grund dafür war nicht nur ihre Enttäuschung darüber, dass ich doch nicht hauptberuflicher Schlagzeuger bin. Auch in mir stieg etwas auf, das mich kurz von ihr distanzierte: Widerspruch! Denn nun, verehrter Leser, kommen wir zu des Pudels Kern dieses Fachbeitrags. Ich widerspreche Frau C mit Leidenschaft. IT-Projektmanagement ist alles andere als „trocken“!

IT-Projektmanagement – das Klischee

Sicher, es ist mir in vielen Berufsjahren nicht verborgen geblieben, welches Bild Außenstehende von meiner Profession haben. Da entstehen Bilder von sterilen Blechkisten, deren Verkabelung einer Intensivstation gleicht und von ermüdenden Prozessketten. Fest zementiert in den Köpfen ist die Vorstellung von den typischen Programmierern, den vielzitierten „Nerds“. Sie hausen in Kellerräumen bar jeden Sonnenstrahls zwischen Pizzakartons und Schokoriegeln. Sie vermeiden soweit wie irgend möglich den Kontakt zu „richtigen“ Menschen. Stattdessen frönen sie einer mysteriösen Fertigkeit, die mit kryptischen Zeichen zu tun hat. In Ausübung ihrer seltsamen Berufung stehen sie immer mit mindestens einem Bein im internationalen Cybercrimesumpf.

Jedes Klischee hat seinen wahren Kern. Aber glücklicherweise ist IT-Projektmanagement viel schöner, bunter und aufregender, als Frau C. und viele andere Zeitgenossen sich das so vorstellen. Denn meine Arbeit hat ganz vornehmlich mit Menschen zu tun. Das furchtbar abgegriffene „Buzzword“ vom „People-Business“ trifft genau ins Schwarze. Meine Arbeit hat zuerst mit Menschen zu tun, dann viel mit Verträgen, Klauseln, Anforderungs- und Qualitätsformalia. Erst zuletzt geht es um kryptische Zeichen in Programmcodes, die mir als Nichtinformatiker übrigens auch zeitlebens kryptisch bleiben werden.

Im offenen Gespräch auf dem gemeinsamen Weg

Ein typischer Arbeitstag besteht für mich aus vielen Telefonaten mit Menschen, deren Begeisterung noch nicht auf dem Level ist, den die vorgeschlagene Lösung meines Erachtens verdient. Oder mit Menschen, die für das jeweilige Projekt geeignet und engagiert sind, aber von ihrem Vorgesetzten mit ganz anderer Arbeit betraut sind. Letzteres führt mich dann natürlich zum nächsten Telefonat mit – richtig geraten, Sie kennen das Spiel also auch – mit eben diesen Vorgesetzten.

Immer wieder sind es Menschen, die die Kühnheit besitzen, andere Meinungen, Vorlieben oder Prioritäten zu haben als ich. Mit diesen Menschen komme ich ins Gespräch. Dabei rede ich nicht unermüdlich auf meine Gesprächspartner ein, bis sie endlich zu meiner Weisheit gelangen oder – um ihr Überleben fürchtend – klein beigeben. Nein, unsere Gespräche sind geprägt von Verständnis und Selbstironie. Verständnis und Selbstironie – völlig zu Unrecht haben diese beiden Eigenschaften keinen Platz in der allgemeinen Vorstellung von der IT-Welt!

Wenn ich meinem Gesprächspartner offen erkläre, was ich wie und warum gerne hätte, dann ist dieser meist auch bereit zu sagen, was ihm wichtig ist. Und obwohl diese Interessen selten deckungsgleich sind, finden wir fast immer einen gemeinsamen Weg. Das ist dann überhaupt nicht „trocken“, sondern geradezu herzerweichend schön. Rosamunde Pilcher am Arbeitsplatz gewissermaßen! Nebenbei ist diese Form des Projektmanagements auch effizient. Dabei wird aber eben nicht nur Geld gespart, vielmehr werden auch Zeit und Nerven geschont. Und das sind die beiden wohl knappsten Ressourcen in meinem Arbeitsfeld, in aufsteigender Gewichtung übrigens.

Mit Selbstironie zum Ziel

Zudem sind die Menschen, mit denen ich mich so schön einigen kann, auch ganz oft noch Mensch genug, um herzlich zu lachen und zu lästern über die kleinen und großen Zwänge, in denen wir täglich agieren, über die Absurditäten, die eine innovationszyklusheißdrehende Branche wie die unsrige ständig gebiert, und nicht zuletzt über die eigenen Unzulänglichkeiten auf beiden Seiten des Tisches oder der Telefonleitung. Das macht Freude und ist eine hervorragende, leistungsfähige Basis für praktische Lösungen.

An dieser Stelle gebe ich, es handelt sich ja, wie ich erneut betonen will, um einen Fachbeitrag, eine meiner großen, persönlichen, erfahrungsgetränkten Berufsweisheiten zum Besten, gratis, aber hoffentlich nicht umsonst. Meines Erachtens kann man nur mit tiefer Selbstironie in einer intellektuell fordernden Profession gut oder gar sehr gut werden. – Bedenken Sie das bitte bei der Auswahl Ihrer nächsten Strategieberatertruppe. – Dann werden die Arbeitssitzungen, Verzeihung „Workshops“, mit diesen Damen und Herren nicht nur wertvoller im Ergebnis, sondern auch sehr viel weniger „trocken“.

Frau C., ich komme nur allzu gern noch einmal zu Ihnen zurück: Sie würden bei näherer Kenntnis meiner Profession und Branche staunen, nicht nur über die Lösungen, sondern gleichzeitig über den bissigen und oft auch frivolen Humor der IT-Experten und IT-Projektmanager. IT-Projektmanagement ist nämlich überhaupt nicht trocken, sondern mindestens so feucht-fröhlich wie das Mineralwasser in Ihrem Küchenstudio.

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Kategorie: ITSM | Schlagwörter: | Kommentare: 0

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