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< Beitrag von Jens Zange

Plädoyer für mehr Enfants terribles in der IT

In diesem Jahr ist es genau 20 Jahre her, dass Éric Cantona, der „König von Manchester“, seinen Club Manchester United verlassen hat. Grund genug, um am Beispiel dieses außergewöhnlichen Fußballspielers darüber nachzudenken, warum wir in unserem Arbeitsalltag so sehr darauf bedacht sind, Reibungspunkte um jeden Preis zu vermeiden. Dabei brauchen wir die Enfants terribles nicht nur im Fußball, sondern auch in der IT!

Keine Sorge, Sie müssen weder Fußballfan noch -experte sein. An der Karriere von Éric Cantona lässt sich aber exemplarisch zeigen, welche Teamleistungen eine unangepasste Persönlichkeit provozieren kann.

Wer ist Éric Cantona?

Der französische Fußballspieler Éric Cantona hat während seiner Profikarriere bei verschiedenen großen Clubs gespielt. Nach seiner Zeit als Fußballspieler arbeitete er als Schauspieler, Kommentator und Sportdirektor in den USA. Herausragend waren jedoch die 5 Jahre seiner Karriere bei Manchester United von 1992-1997. Diese Phase seiner Karriere war so beeindruckend, dass er von den Fussballfans im Jahre 2000 zu einem der wichtigsten Spieler des Jahrhunderts gewählt wurde.

Enfants terribles als Motor des Erfolgs

Als Cantona zu Manchester wechselte, galt er als begabter Spieler, zählte aber auch zu den Enfants terribles, die sich von ihren Emotionen zu Dummheiten hinreißen lassen. Manchester United hatte seit 1967 keinen Meistertitel mehr gewonnen. Schon 1992, Cantonas erstem Jahr in Manchester, gelang dem Club dieses Kunststück.

Zu zweifelhafter internationaler Berühmtheit gelangte Cantona 1995: In einem Spiel gegen Crystal Palace wurde er per Roter Karte vom Platz gestellt. Beim Gang in die Kabine attackierte Cantona einen pöbelnden Fan mit einem Kung-Fu-Tritt ins Gesicht. Einer 2-wöchigen Gefängnisstrafe entging er zwar, aber der Weltfußballverband sperrte Cantona für 8 Monate weltweit. Cantona dachte schon darüber nach, mit dem Fußball aufzuhören. Dann reiste sein Trainer bei Manchester United Sir Alex Ferguson nach Paris und überzeugte ihn vom Gegenteil. Cantona meldete sich mit einer legendären Pressekonferenz zurück, bei der er ein einziges Statement abgab:

“When the seagulls follow the trawler, it is because they think sardines will be thrown into the sea. Thank you.”

In der Saison, in der Cantona gesperrt war, verlor Manchester sowohl den Meistertitel als auch das Pokalfinale. In den restlichen 4 seiner insgesamt 5 Jahre bei Manchester gewann sein Team immer die Meisterschaft, in 2 Jahren zusätzlich noch den Pokal.

Ein ehemaliger Mitspieler sagte über Éric Cantona:

„Hätte man ihm seine Emotionen genommen, so wäre er nur zu 50 % der Spieler gewesen, der er war.“

Sein Trainer Sir Alex Ferguson ließ Cantona Freiheiten: So erlaubte er ihm zu einem offiziellen Pressetermin in FlipFlops zu erscheinen, statt im feinen Anzug, wie der Rest seiner Kollegen. Ferguson ließ seinem Star solche Eskapaden durchgehen. Trotz des umstrittenen Ausrasters hielt er an Cantona fest. Und der Erfolg gab dem Trainer recht.

Was hat Éric Cantona mit ITIL und IT zu tun?

Interne IT-Organisationen streben einerseits danach, möglichst viel zu standardisieren. Gleichzeitig wollen sie innovativ sein. Aber wieviel Innovation ist bei anhaltender Konformität möglich? Wie können zündende Ideen aufblitzen, wenn in niemandem ausreichend Feuer brennt?

In unserer Arbeitswelt wird selten geschätzt, wenn Mitarbeiter anders denken, anders auftreten oder kontroverse Meinungen äußern. So etwas bringt nur Unruhe ins Team und ins Unternehmen. Und solche Mitarbeiter gelten schnell als Enfants terribles. Sie werden nicht als Bereicherung, sondern als Belastung wahrgenommen.

Wir sollten lernen, Ideen zu schätzen, die auf den ersten Blick vielleicht verrückt erscheinen. Ebenso ist es wichtig, die Energie starker Emotionen zu nutzen und fruchtbar zu machen. Das erzeugt frischen Wind im Unternehmen. Und das ermöglicht uns Leistungen und Services, die authentisch, persönlich und damit unverwechselbar sind.

Kreative brauchen Verständnis und Rückendeckung

Die Quintessenz ist: Chaoten, wie Éric Cantona sind wertvoll, wenn sie den richtigen Coach haben. Es liegt in der Verantwortung der Personalchefs, den Mitarbeitern mehr Freiraum zu geben, bei Fehlern hinter ihnen zu stehen, ihre Stärken zu fördern und ihre Eigenheiten so in Bahnen zu lenken, dass sie dem Unternehmen insgesamt zugute kommen.

Cantona ist nur ein Beispiel von vielen aus der Welt des Profi-Sports. Persönlichkeiten wie er werden im Sport gern als „Typen“ bezeichnet. Ich persönlich vermisse solche „Typen“ innerhalb der IT. Mitarbeiter, die keine Angst haben anzuecken. Mitarbeiter, die Themen und Kollegen voranbringen, weil sie in der Lage sind, mit ihrem Feuer Begeisterung zu entfachen.

Sicherlich ist es nicht die Lösung, bewusst Querulanten einzustellen und zu hoffen, dass sich dadurch automatisch Innovationen entwickeln. Aber sicher ist es unrealistisch, Innovationen zu erwarten, ohne dass auf dem Weg dorthin Reibung entsteht. Éric Cantona selbst sagte:

“Anyone who is different from the ordinary is considered crazy.”

Er bringt damit die Situation in vielen Unternehmen auf den Punkt. Was aber gebraucht wird, ist eine starke Fehlerkultur und der Mut, Mitarbeiter anders” sein zu lassen. Dies ist der einzige Weg, wirklich etwas zu verändern, voranzukommen und aus der Masse hervorzustechen.

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Kategorie: ITSM | Schlagwörter: , , , | Kommentare: 0

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