single.php
< Beitrag von Bernhard Reuß

Borniertheit und Pedanterie – Helfer für Projektziele und Projektanforderungen? (Teil 1)

Ich bin borniert. Das war mir in dieser Deutlichkeit gar nicht bewusst, aber man lernt ja nie aus. Aufgefallen ist mir das bei der Beschäftigung mit einem meiner beiden Lieblingsspielzeuge im Projektmanagement, dem Begriff „Ziel“. Im Folgenden widme ich mich daher dem ewigen Versäumnis, Projektziele zu verfolgen.

Aus den Erfahrungen eines Projektleiters

Die Verbindung zwischen meiner Borniertheit und Projektzielen ist tatsächlich sehr eng. Ich komme in meinem Projektleiterleben oft in Kundenprojekte, die schon losmarschiert sind, das heißt: Die grundlegenden Über- und Festlegungen zur Projektidee, zum Budget, zum Team und zum Zeitplan sind schon ohne mein Zutun angestellt, und das Projektschiff rudert mehr oder weniger fröhlich voran. Notabene, von Zielen und Anforderungen war im letzten Satz – bewusst – nicht die Rede!

Wenn ich dann, das kann verschiedene Gründe haben, später dazu gerufen werde, erklärt man mir zunächst, was schon geleistet ist, wo man im Zeitplan stehe und wo der ein oder andere Schuh drückt. Das höre ich mir alles interessiert, ja immer interessiert an. Und egal, was ich zuvor als Einführung erhalten habe, eine meiner ersten Fragen ist dennoch fast immer dieselbe: „Was ist denn Ihr Ziel?

Ich ernte meist zuerst stumme, irritierte Blicke, die mir sagen wollen: „Hat der Reuß jetzt überhaupt zugehört?“ Dann folgt meist ein Satz im Sinne von „Ja, also wie gerade schon gesagt …“ Dann frage ich erneut nach, was denn das darüber liegende Ziel sei, werde erneut mit dem Versuch bedient, mir, dem Begriffsstutzigen, das Offenkundige zu erklären, meist schon mit dem deutlichen Unterton, dass man erstens daran zweifle, dass ich hier irgendwie nützlich sein könnte und gleichzeitig schon ziemlich sicher sei, dass ich den Laden doch nur aufhalte.

Das Phänomen der Borniertheit

Jetzt irgendwann kommt der Punkt, an dem ich mir selbstkritisch ‚Borniertheit‘ attestieren muss: Ich bin nämlich noch immer nicht gewillt, von meinem schamlosen Treiben abzulassen, ändere nur die Formulierung, hole es etwas aus dem Theorie-Elfenbeinturm, um den Knoten langsam und vorsichtig zu lösen: „Ich meine Folgendes: Wofür ist das gut? Was haben Sie davon, wenn Sie mit all dem fertig sind?“

Auch dann bleiben wir alle meist noch in unserer Rolle, meine Kunden sind dann ebenfalls sehr konsequent – borniert ist man natürlich nur als Auftragnehmer! – und antworten dann sinngemäß mit „… habe ich doch jetzt schon dreimal …“ oder „Ja, das ist doch offenkundig …!“ Und dann folgt in diesem Rollenspiel erstmals ein paar Sekunden nichts … Denn dann fällt allen Anwesenden meist auf, dass man das doch gar nicht so genau weiß …

Projektziele definieren

Dieser Punkt muss auch jetzt erreicht werden, bevor man mir die Tür weist. Und an diesem Punkt werden die Blicke offener und erstmals erwartungsvoll. Dann trete ich meist ungefragt an das nächste Flipchart und schreibe auf „Was ist ein Ziel?“ und je nachdem, wie perplex die Runde ist, verschleppe ich meine Einfachdefinition noch aus dramaturgischen Gründen für einen Augenblick: „Ziel = Soll-Zustand“ schreibe ich dann erlösend auf und erkläre, dass das einfach der Zustand der Welt ist, wie sie sein soll nach dem erfolgreichen Projekt!

Dann soll es mehr Kundenbindung geben, das Unternehmen wird auch den chinesischen Markt bedienen können oder was auch immer. Aber es ist eben nicht: Version xy ist auf Server 08/15“ oder „Wir haben dann auch Social Media“.

Fazit

Mit der Frage „Wozu ist das denn gut?“ und der Einfachdefinition eines Ziels als „Soll-Zustand“ lässt sich so ziemlich jede Projektsituation griffig auf Ziele ausrichten, ganz ohne dicke Theoriebücher. Die braucht man für die paar Prozent Spezialfälle. Und, ja es ist gut, wenn Ziele „SMART“ sind, aber zunächst mal müssen sie plastisch und nachvollziehbar sein. Daran mangelt es viel häufiger, als wir Theoriegestählte uns das gern eingestehen.

Und wenn man dann diese Ausrichtung auf Ziele dauerhaft verankern will, hilft durchaus wieder ein bisschen Borniertheit – Verzeihung, auf Kundenseite heißt das ja „Konsequenz“ – indem Sie (sich) immer wieder über den Projektzyklus hinweg fragen: „Wofür ist das denn gut?“

Folgen
X

Folgen

E-mail : *
Kategorie: ITSM | Schlagwörter: | Kommentare: 0

Beitrag kommentieren

CAPTCHA * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.